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Fotobuch DREESCH

Nummerierte Edition von 50
21 x 27,5 cm
80 Seiten

Könnte ich sein
Von Cornelia Siebert

Der Junge mit der Farbrolle in der Hand. Das ältere Paar auf einem Spaziergang. Ein junges Paar, das sich sanft berührt. Zwei Jugendliche auf einer Wippe. Drei ältere Menschen an einem Tisch. Lassen sich in ihrer Lebensrealität die eigenen Erinnerungen wiederfinden?

Norman Hoppenheit hat für seine Fotoserie „Dreesch“ Menschen fotografiert, die in der gleichnamigen Schweriner Wohnsiedlung leben. In dieser 1982 fertiggestellten Neubausiedlung hat er selbst die ersten Jahre seines Lebens verbracht, bis seine Familie nach dem Fall der Mauer mit ihm nach Schleswig-Holstein zog. Seine Erinnerung an diese Zeit war keineswegs negativ geprägt: „Ich bin 1984 geboren und alles, was ich vom Osten erinnerte, waren die schönen Sommer in der Plattenbausiedlung in Schwerin“. Mehr als 25 Jahre später kehrt er für dieses fotografische Projekt dorthin zurück. Die Porträts, die von den Bewohner*innen in Dreesch entstanden sind, erzählen davon, wie es sich anfühlen mag, dort aufzuwachsen und zu leben. Darüberhinaus ist die Serie aber auch ein Versuch des Fotografen, seine eigenen Erinnerungen mit fotografischen Mitteln wieder hervorzurufen.

Fragt man sich, was die Generation Y heute bewegt, so ist es sicher nicht ein verstärktes Bewusstsein für die eigene Geschichte, die einem als erstes in den Sinn kommt. Aber davon auszugehen, dass sich die Generation Y vor allem über eine starke Verankerung in der Gegenwart, ausgedrückt durch Äußerlichkeiten und Konsum identifiziert, ist zu kurz gedacht. Wer wir sind oder sein wollen ist nicht nur durch das Jetzt bestimmt, sondern ist auch immer von dem beeinflusst, was uns in der Vergangenheit geprägt hat. Dass das sogenannte Generationengedächtnis dabei genauso identitätsstiftend sein kann, wie die eigenen Erlebnisse muss man dabei mit Bedenken, um Biographien wie die von Norman Hoppenheit zu verstehen. Er gehört jener Generation an, die aktiv nur wenig vom Leben in der DDR mitbekommen haben. Trotzdem sind seine Erinnerungen ganz klar vom Aufwachsen in diesem Staat und dem Umbruch zur Wendezeit beeinflusst. Der Fakt, dass er mit seiner Familie in einer neugebauten Plattenbausiedlung aufgewachsen ist, formt seine Erinnerungen ebenso, wie die Tatsache, dass sie nach der Wende von dort weggezogen sind. Erinnerungen entstehen nie frei von äußeren Einflüssen, sondern sind immer sozial gerahmt, so sind sich Soziolog*innen und Kulturwissenschaftler*innen einig. Ebenso relevant für unsere Erinnerungen sind neben dem Wohnort und der Einbettung in soziale Gruppen wie Familie, Freunde oder Schule aber auch öffentliche Vergangenheitsinterpretationen. Vorherrschende Interpretationsansätze über das Leben in der DDR reichen von der negativ besetzten Diktaturerinnerung bis zur eher positiv besetzten Lebenswelterinnerung. Das öffentliche Bild über Plattenbausiedlungen wie Dreesch hat sich seit deren Bestehen extrem gewandelt. In der DDR noch als Ideallösung des Wohnraumproblems und als soziale Utopie verstanden, hat sich das Bild in den letzten Jahren vor allem negativ entwickelt. Leerstand, Armut und Isolation sind zu gängigen Assoziationsmustern geworden und weichen vom in der DDR postuliertem gesellschaftlichen Ideal ab, dass man beim Bau solcher Siedlungen erhofft hat zu erfüllen. Planstädte wie Dreesch wurden nicht vordergründig kalt, und grau empfunden, sondern vor allem als modern und demokratisch gefeiert. Kurz nach Fertigstellung waren neu Zugezogene von Zentralheizung und voll ausgestatteten Badezimmern ebenso überzeugt, wie von der Tatsache, dass alle wichtigen Orte des täglichen Lebens in unmittelbarer Nähe waren.

Betrachtet man Norman Hoppenheits Bilder ist nicht mehr viel vom Charme der einstigen Modernität zu spüren. Die damaligen Vorteile des Plattenbaus scheinen sich überholt zu haben. Was damals noch als Luxus galt, ist heute längst Mindeststandard. Sich diesen Veränderungen bewusst seiend, wirft Norman Hoppenheits Fotoserie dabei weder einen verklärenden noch vorurteilsbehafteten Blick auf Dreesch. Wie aber kann es gelingen, sich seinen eigenen Erinnerungen wieder bewusst zu werden? An dem Ort seiner Kindheit zurückzukehren um diese dort anhand von konkreten Motiven wiederzufinden gleicht einem nahezu auswegloses Unterfangen, doch schon die physische Präsenz des Ortes kann helfen vermeintlich vergessen Geglaubtes durch assoziatives Erinnern freizulegen. In seiner Arbeit ist deshalb nicht die Suche nach der eigenen Vergangenheit bildbeherrschend, sondern die Biographien der jetzigen Bewohner*innen von Dreesch, deren Geschichten so individuell sind, wie seine eigene. Die Fotografien funktionieren dadurch als eine Art Erinnerungsträger, mit denen aus der Gegenwart heraus Erinnerung rekonstruiert und gleichzeitig die eigene Vergangenheit kontextualisiert wird.

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